Financial Greenwashing?

Ja, Nein, ich mein #Klarna

Schon gehört? „Klarna is NOT BNPL“ —  so schrieb es zumindest der Gründer Sebastian Siemiatkowski vor Kurzem bei Twitter. Er schrieb jedoch gleichzeitig “Klarna is a payments network like VISA or MasterCard” und da wird es schon interessanter. Laut seinem Tweet müssten 60 Prozent der abgewickelten Transaktionen Kredite sein. Das bedeutet zusammengefasst, Klarna sieht sich in einer Liga zusammen mit VISA und MasterCard, vergibt primär Kredite und behauptet aber nicht BNPL zu sein. Papier ist ja bekanntlich geduldig — vielleicht hilft es, einen detaillierten Blick auf das Handeln zu werfen, um sich ein Bild von den Fakten zu machen und selbst einzuschätzen, ob es sich ggf. um Financial Greenwashing handelt.

Beurteile einen Menschen lieber nach seinen Handlungen als nach seinen Worten; denn viele handeln schlecht und sprechen vortrefflich.

Matthias Claudius (1740–1815), deutscher Dichter und Journalist

BNPLWTF

BNPL steht für Buy-Now-Pay-Later und steht für eine besondere Form von Minikrediten. Diese umfassen Beträge unter 200 Euro und sind aufgrund der aktuell gültigen Gesetzeslage unreguliert. In der Form des “Flexen mit #Klarnaschulden”  — haben diese zumindest in Deutschland traurige Berühmtheit erlangt. Die Entwicklung rund um die Minikredite zeigt, dass die Probleme, die damit einhergehen, erkannt wurden und eine Regulierung nur eine Frage der Zeit ist.

„Die EU-Verbraucherkreditrichtlinie muss es geben, weil es bei Krediten viele ausbeuterische Praktiken gibt“, so Malte Gallée, Schattenberichterstatter für die Greens/EFA-Fraktion, im Gespräch mit Business Insider. „Damit schützt man Kreditnehmende vor Kreditgebenden.“

53 % der Webseiten die BNPL anbieten, machen das via Klarna

Von allen Websites im Internet, die Bezahlung via BNPL ermöglichen, nutzen 53 Prozent die Abwicklung über Klarna. Wohingegen die größte Konkurrenz — Afterpay, Sezzle, Zippay und Affirm — zusammen nur auf einen Anteil von 39 Prozent kommen. Von allen Websites, die Klarna als Zahlungsmethode anbieten, kommen 34 Prozent aus Deutschland.

Aktuell wird die EU Verbraucherkreditrichtlinie überarbeitet und soll zukünftig Vorgaben für Minikredite und für verzögerte Zahlungen umfassen. Im September 2022 begann der Trilog, in dem Kommission, Parlament und der Rat der Mitgliedstaaten sich auf einen gemeinsamen Gesetzestext einigen. Die Vorschläge zur angepassten Richtlinie sehen unter anderem vor, dass grundsätzlich mehr Kreditformen von der Richtlinie erfasst werden. Das gilt unter anderem für Minikredite mit einem Volumen unter 200 Euro und BNPL-Kredite. Aufgrund unserer nachhaltigen Ausrichtung begrüßen wir dies sehr. Um zu verstehen, warum wir das BNPL Geschäft so kritisch betrachten, sollten wir einen kurzen Blick auf die Geschichte der Verschuldung und den Kreditkartenfirmen werfen.


Am Anfang waren die Kreditkarten

Um zu verstehen, was sich gerade in angepasster Form wiederholt, fangen wir mit der Entstehung der Kreditkarte und den heute sehr bekannten Firmen in dem Segment an. Die erste Universalkreditkarte war die des Diners Club, der im Februar 1950 in Form eines Clubs gegründet wurde. Sie sollte vorerst nur von den Clubmitgliedern, Freunden und Bekannten der Gründer Frank McNamara und Ralph Schneider, in zwei Dutzend ausgewählten New Yorker Restaurants eingesetzt werden.

Doch bald wurden die enge Zielgruppendefinition überwunden. Die nächste Universalkreditkarte war im August 1951 die der Franklin National Bank in New York, dort wollte man das Konsumentenkreditgeschäft forcieren. Seitdem unterscheidet man zwischen Travel- & Entertainment-Kreditkarten, die vom Diners Club initiiert wurden, und Bankkreditkarten, welche auf die Franklin National Bank zurückgehen.

Die Franklin National Bank blieb mit ihrer Kreditkarte nicht lange allein. Viele Banken der damals noch stärker fragmentierten Bankenlandschaft folgten. 1968 hatte jede zehnte US-Bank ein Kreditkartenprogramm, jeweils mit räumlich begrenztem Akzeptanzbereich. Eine Ausdehnung wurden mit mehreren Interchange-Abkommen erreicht, aus denen sich schließlich MasterCard und die Visa entwickelten.


Toxische Kredite

Jetzt springen wir aus dem Jahre 1966 in die heutige Zeit und betrachten die Vereinigten Staaten von Amerika, welche als das Heimatland der Kreditkartenschulden bekannt sind. Laut neuesten Zahlen der New Yorker Fed wurde die Marke von 16 Bio. Dollar im zweiten Quartal 2022 erstmals geknackt.

Kreditkartenschulden / Außenstände Q3 2022 ©Bloomberg

Kreditkartenschulden auf Rekordhöhe und Schuldner in den USA können vermehrt ihre Kredite nicht zurückzahlen. Gleichzeitig auch zunehmende Probleme bei „Subprime-Kunden“, also denen mit geringerer Bonität.

Auswirkungen auf die Weltwirtschaft, z.B. durch fehlende Kaufkraft (die USA lagen 2021 laut Wikipedia auf Platz #7), sind möglich. Allerdings scheint sich bei den Amerikanern mittlerweile auch eine neue Haltung gegenüber der “Kreditkarte” zu etablieren und der Umgang mit Schulden werde bewusster. Wenn selbst der Amerikaner, der diese Form finanzieller Freiheit viele Jahrzehnte als selbstverständlich angesehen hat, zu einem bewussteren Umgang mit Schulden kommt, könnte man fast von einem “Happy-End” ausgehen …

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Final Scene of the movie “Fight Club”

Same, same but different

Wenn nun ein Umdenken stattfindet und die Menschen nicht mehr leichtfertig in die Schuldenfalle tappen, dann … richtig, ist der Köder entweder nicht mehr der richtige, oder die Zielgruppe (Kleinvieh macht auch Mist) oder vielleicht auch beides. Die Muster scheinen die Gleichen zu sein und das Ergebnis trügt nicht — der Mensch tappt in die Schuldenfalle.

Die Verbraucherzentralen in Deutschland haben Klarna schon vor geraumer Zeit aufgrund hoher Gebühren und der Abwicklung der Rückzahlung in den Fokus genommen. Mittlerweile wird jedoch auch die Kreditvergabe hinterfragt

Annabel Oelmann, Vorstand bei der Verbraucherzentrale Bremen, hat dazu ein Interview gegeben und wir möchten gerne daraus zitieren, um deutlich zu machen, welche Rolle Klarna nach der Immunität der deutschen gegenüber der Kreditkarte eingenommen hat.

… viele Menschen verlieren da schnell den Überblick, gerade wenn sie es mehrfach machen, und dann können die Schulden sich schnell anhäufen.

Während Deutschland, im Gegensatz zu anderen Märkten, für Kreditkarten nie sonderlich empfänglich war, wird der Anteil von „Buy Now Pay Later“ auch hierzulande stark zunehmen

Gerade die junge Zielgruppe sei dabei sehr empfänglich. Diese ist jedoch auch am vulnerabelsten, da sie oft unerfahrener ist und leichter den Überblick verliert. Das erhöht die Gefahr der Überschuldung deutlich.

Annabel Oelmann, Vorstand bei der Verbraucherzentrale Bremen

Ob ein Unternehmen, das in der Finanzbranche tätig ist, all das nicht schon längst wusste und die Auswirkungen für die junge Zielgruppe bewusst in Kauf genommen hat, werden wir wahrscheinlich nie erfahren. 

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Offficial Klarna Giphy

Schulden machen krank

Betrachtet man nun die letzten Jahrzehnte, in denen Kreditkartenfirmen einen großen Teil der Verantwortung für die Entstehung und Förderung massiver Schulden, vor allem in den USA, trugen und auch heute noch tragen, kann man nicht an den Erkenntnissen und auch Studien vorbeischauen. So ist unlängst erwiesen, dass Schulden krank machen. Sie sind mitunter für schwere Erkrankungen wie z. B. Angstzustände, Bluthochdruck, Depressionen, Herzrhythmusstörungen, Schlafstörungen usw. verantwortlich und wirken sich somit auf die Lebenserwartung der Menschen aus.

Wenn sich jedoch ein Unternehmen in einer Reihe mit VISA und MasterCard sieht, dann wäre es aus unternehmerischer Sicht doch auch angeraten, derartige Erkenntnisse zu berücksichtigen und die Menschen mit allen Mitteln vor solchen Erkrankungen zu bewahren. Sich nach 17 Jahren auf einmal selbst den Stempel Nachhaltigkeit zu verleihen, obwohl man lange über die Auswirkungen hätte kenne und diese berücksichtigen können, halten wir für wenig glaubwürdig.


Nachhaltigkeit

Nie war es mehr in Mode, das Unternehmen nachhaltig zu positionieren, obwohl das Handeln etwas anderes suggerieren würde. Nachhaltigkeit ist aber etwas, dass in den Grundfesten der Unternehmung verankert ist und vor allem in der Persönlichkeit der Gründer. Nachhaltigkeit ist nichts, das ein Unternehmen “macht” oder zu dem man sich zwischendurch einmal kurz “bekennnt”, weil der Gegenwind zu groß ist. 

Unser gesamtes Unternehmen ist der Nachhaltigkeit verpflichtet und der Mensch steht dabei stets im Vordergrund. So ist es für uns selbstverständlich, dass wir mit den Werkzeugen, wie z. B. der wunderbon Privacy Wallet, den Menschen die Möglichkeit geben, weitere wichtige Informationen zu ihrer eigenen Nachhaltigkeit und Möglichkeiten der Veränderung z. B. zu noch nachhaltigerem Leben bieten. Durch die von uns aggregierten und mit den gekauften Produkten bereitgestellten Daten tragen wir dazu bei, dass eine Auseinandersetzung mit den Umwelteinflüssen des Produktes überhaupt erst stattfinden kann. Dabei ist die Information immer 1:1 mit dem eigenen Handeln verknüpft und kann so besser absorbiert werden.

Wir sind froh, dass er der Druck auf die BNPL-Anbieter erste Wirkung zeigt. So verkündete Klarna vor Kurzem jetzt doch nachhaltig zu sein und die eigenen Kunden besser zu schützen und beim Sparen helfen zu wollen. Wir sagen “Willkommen in unserer Domäne”. Wir freuen uns, dass Klarna umdenkt und unserem Beispiel folgt. Deshalb gehen wir mit guten Werten voran.


Foto von Sora Shimazaki